![]() | ![]() | |||||||||||||||
![]() | ||||||||||||||||
| ![]() |
_______________________________________________________________________ 1200 Chorschule am Hofe Karls des Großen
Chronik Der Kaiser berief die berühmtesten Gelehrten seiner Zeit aus Italien, Griechenland und England als Lehrer an seine Hofschule. Im Jahr 781 begegnete der Kaiser in Parma dem gelehrtesten Mann seines Jahrhunderts, dem Mönch Alkuin, der auf der Reise nach Rom war. Alkuin, um 732 in Northumbria aus edlem Geschlecht geboren, von 740 bis 781 Schüler und später Lehrer, Bibliothekar und Leiter der Klosterschule in York, folgte begleitet von mehreren Landsleuten 782 dem Ruf Karls des Großen in das Frankenreich und leitete die „Schola Palatina“ bis zu seiner Berufung an die Abtei St. Martin in Tours 796. Alkuin unterbrach seinen Aufenthalt auf dem Festland von 786-787 und von 790-793 und besuchte vorübergehend England. Alkuin starb 804 in Tours. Karl soll gesagt haben, er erachte den Besitz Alkuins höher als den eines Königreiches. In dieser Schule, die nicht nur von Kindern der Vornehmsten des Reiches besucht wurde, unterrichtete Alkuin auch den Kaiser, die Söhne, Töchter und Verwandten Karls. Als vorbereitende Fächer wurden die Künste des Triviums gelehrt: Grammatik, Rhetorik und Dialektik. Der Unterricht des Quadriviums erfolgte in Musik, Arithmetik, Geometrie und Astronomie. Hinzu kamen Unterweisungen in der Heiligen Schrift. Zu den bedeutendsten Schülern Alkuins gehören Einhard (um 770-840), Amalarius von Metz (um 775-850) und Hrabanus Maurus (780-856). Alkuin selbst hat in einem lateinischen Gedicht die Schule beschrieben und erwähnt, wie ein Lehrer namens Sulpicius die Knaben im Gesange unterrichtet: Sulpicius führt unterrichtend die Schar der unschuldigen Kleinen, daß er sie leite und lehre, den rechten Accent zu beachten; wie Idithun unterweist er im heiligen Gesange die Knaben, und, um süße Töne mit klangvoller Stimme zu singen, lernen sie der Tonkunst Rhythmus, Takt und Gefüge kennen. Wie in dieser Strophe der Gesanglehrer Idithun genannt wird, nach dem Namen eines Musikers am Hofe Davids, so trugen auch die anderen Lehrer berühmte Namen der Geschichte. Alkuin hieß Horaz oder Flaccius, Angilbert, der Schwiegersohn Karls, Homer, Einhard nach dem Erbauer der Stiftshütte Beseleel. Karl selbst wurde David genannt. Wie ein zweiter David trug der Kaiser dafür Sorge, durch einen würdigen Kirchengesang den Gottesdienst zu verherrlichen.
Die Vorschriften des Kaisers in den Kapitularien von 789, seine Anordnungen über die Inspektion des Gesanges und die Verfügung, daß alle Kleriker geprüft werden sollen in der römischen Gesangsweise und dem Meßgesang, sie dienten dem gleichen Ziel: den Gesang im christlichen Geiste und nach der reinen Lehre Roms zu erhalten.
An Stelle eines kleineren christlichen Heiligtums wurde um 800 die Marienkirche nach Karls „eigenem Plan“ vollendet. In einer Synode von Aachen führte Karl das Credo der Messe im Gottesdienst der Marienkirche ein, das später Bestandteil der römischen Liturgie wurde. Eng verknüpft mit dem Leben der Singschule beginnt in Aachen die Geschichte der kirchlichen Orgelmusik. Von der Orgel, die um 807 der Kalif Harun-al-Raschid Karl dem Großen geschenkt haben soll, konnten in arabischen Quellen keine Belege gefunden werden. Ein Instrument, das im Osten ausschließlich bei weltlichen Festen im Palast Verwendung fand, wurde durch die Aufstellung in der Marienkirche zum Symbol religiöser Musik. Karl der Große empfing als „Kaiser“ des Westens „in der Kirche“ die Huldigung der byzantinischen Gesandten. 812 berichtet der Mönch von St.Gallen von einem Orgelbau für die Marienkirche in Aachen auf Anordnung Karls nach dem Muster der von Kaiser Konstantin V. Kopronymus seinem Vater Pippin geschenkten Orgel. Ähnliche Instrumente wurden von den Mönchen angefertigt. Die kleinen Orgeln hatten den Umfang einer Oktav und dienten dazu, die Intonation beim Choralgesang zu verbessern. Sie wurden auch als Hilfsinstrument für den Vokalunterricht gebraucht. Bis zur Reformation wurden die Spieler meist aus dem Klerus genommen. Mit der in der „Gesta Caroli Magni“ erwähnten legendären Gestalt des Glockengießers Tancho begann die Geschichte des kunstvollen Glockengusses in Aachen, der vor allem durch die Meister der Familie von Trier im 17. Jahrhundert seinen Höhepunkt erreichte.
813 Erhebung Ludwigs des Frommen zum Mitkaiser Godescalc von Limburg war 1080 berühmter Sequenzensänger und Propst an der Aachener Krönungskirche. 1087 Konrad (III.) 1170 Hochblüte gotischer Gregorianik im Aachener Reimoffizium „Regali natus" und in der Karlssequenz „Urbs aquensis". 1198 Otto IV. Das gotische Zeitalter bereicherte das liturgische Leben mit dem volkstümlichen Brauch der öffentlichen Zeigung der großen Aachener Heiligtümer in der vermutlich um 1238 beginnenden Aachenfahrt. 1239 werden die großen Reliquien in den Marienschrein gelegt.
Neben den lateinischen Gesängen der feierlichen Liturgie entsteht ein lebendiges Volksbrauchtum bei der öffentlichen Turmzeigung der Heiligtümer. Aus einer Aachener Stadtrechnung von 1349 ist ersichtlich, daß schon damals während der Zeigung der Reliquien von der Höhe des dem Münster gegenüberliegenden Rathauses „die Trompeter auf der Aula lagen und bliesen“. Die große Schar der Pilger beantwortet die Zeigung der Reliquien mit dem Blasen der „Aachenhörner“: „Diese 4 Stück werden gezeigt ringsumb den Glockenthurm, auff den Heilthumbskammeren, und auff der Brücken, so zwischen beyden Türmen stehet, und bey Zeigung eines jedweden Stücks wird zwar herrlich musicirt, aber kan unden auff der Erden nicht wol gehört werden wegen der Heilthumbs Hörner, so auß Erden gebacken, roht oder blaw gefärbet, darinnen Kinder und grosse Leuth under dem Zeigen dermassen starck hinzublasen, daß zwei neben einander stehend sich nicht erhören mögen“ (Noppius, Aacher Chronick). Von diesem Brauch berichtet der Pilger Philipp von Vigneulles (1510), daß beim Zeigen der Heiligtümer „unablässig Weihrauchwolken aufsteigen, man auf den Knien liege und das Volk schrie, und die Hörner erklangen. In diesem Augenblick möchte man sagen, die ganze Erde erzittere von dem Getöse der Trompeten und dem Geschrei der Männer und Frauen, die ‚Erbarme dich’ rufen, und es wiederholt sich dabei derselbe Hörner- und Trompetenschall, daß er den rollenden Donner übertönt“. Buntes Volksbrauchtum brachten naturgemäß die Pilger aus Ungarn nach Aachen. Ihre Volkstänze wurden von den eigenen Spielleuten begleitet. Einzelne Landsleute brachten sogar Bären mit nach Aachen, die sie zur Musik tanzen ließen. Auch das geistliche Volkslied begleitet die Verehrung der Heiligtümer und die Tage der Pilgerfahrt. Der Einzug der vielen Prozessionen in die Stadt ist erfüllt vom Gesang der Gläubigen. Kirchenlieder zur Aachener „Betefahrt“ werden in die Pilgerbüchlein aufgenommen und geben Zeugnis vom frommen Sinn und dem gläubigen Vertrauen der Wallfahrer. Nur weniges ist uns bis heute erhalten geblieben. Erwähnt werden muß hier der Altaachener Wallfahrtsspruch am Wachtturm Linzenshäuschen: „ave maria Keiserine
1248 Wilhelm von Holland 1344 Heiligtumsfahrt mit erstmals erwähnter Turmmusik der Stadtmusikanten. 1349 Karl IV. und Anna; Anna 1354 1400 ältestes deutsches Weihnachtslied „Syt willekomen herre Kirst" im Ottonischen Evangeliar der Aachener Schatzkammer aufgezeichnet. 1414 Sigismund und Barbara
Der Chronist Johannes Noppius berichtete 1630 in seiner „Aacher Chronick“: „Und ob jemand sich ob der schönen Musick und herrlichen Ceremonien dieser kirche wurde verwundern, der solle wissen, dasz es sich allhie also gebühre als in sede regia.“
Wie das Leben der Vicarioli im Choralenhaus geregelt war, ist in einer Tagesordnung überliefert: Anfang September des Jahres 1737 weilte Georg Friedrich Händel in Aachen zu einer Wasserkur. Die Heilkraft der Schwefelthermen befreite ihn in kurzer Zeit von seiner Lähmung und seinen psychischen Depressionen. Dank und Freude über die wiedergewonnene Gesundheit soll er in herrlichem Orgelspiel in der Stadtkirche in Burtscheid Ausdruck gegeben haben. Die ergriffenen Hörer schrieben die Heilung dem Wunderwirken der heiligen Cäcilia zu. Anfang November kehrte Händel nach London zurück. In den Wirren der Franzosenzeit wurde das Choraleninstitut des ehemaligen Krönungsstiftes 1802 aufgehoben. Alle Güter und Renten der reich dotierten Einrichtung wurden vom Staate eingezogen, das „Unterrichts- und Erziehungshaus für die Chorschüler der Münsterkirche" nach der Errichtung des ersten Bistums Aachen dem ersten Generalvikar Fonck als Wohnung übergeben. Da die Stiftungen nicht wieder auflebten wurde in einem anderen Haus auf dem Katschhof das Institut mit nur vier Chorknaben in bescheidenem Umfang wieder hergestellt. Die Eltern mußten die Kinder selbst unterhalten; ebenso mangelte es an den Mitteln, um das Gehalt für die Lehrer der Choralschule aufzubringen. Bischof Berdolet klagte dem Kultusminister die Armut der Kirche: „Das Orchesterhaus, unter Karl dem Großen ehedem so glänzend, ist keine Zierde der Stadt mehr." Anton Schindler, Beethovens Sekretär und erster Biograph wurde 1835 Stiftskapellmeister in Aachen. Das seit dem 17. Jahrhundert erwähnte Domorchester verband sich gelegentlich zu gemeinsamen Aufgaben mit der traditionellen städtischen Harmoniemusik und bildete so die Vorform des 1852 errichteten städtischen Orchesters, des ersten städtischen Orchesters im Rheinland. Schon 1835-1840 leitete Anton Schindler, der spätere Biograph Beethovens, das städtische Musikwesen und die Festmusiken im Dom. Seit 1825 reiht sich Aachen in den Turnus der „Niederrheinischen Musikfeste" ein mit der ersten Aufführung von Beethovens 9. Symphonie nach der Wiener Uraufführung zur Eröffnung des Neuen Theaters. Mit dem Aufblühen des städtischen Musiklebens im 19. Jahrhundert sind verbunden die Namen eines Albert Lortzing, Norbert Burgmüllers und Cäsar Francks. Die Aachener Opernbühne gilt seit Lortzing als „Sprungbrett der jungen Talente". Das musikalische Aachen wurde geführt von bedeutenden Generalmusikdirektoren:
Johannes Mölders (1881-1943) übernahm das Amt des Domkapellmeisters von 1913 bis 1918. Leo Wachten (1888-1962) leitete den Domchor von 1918 bis 1924.
Infolge der institutionellen Sicherung durch die 1960 wiedererstandene Domsingschule gewann die Chorarbeit mit Knabenoberstimmen wieder an Umfang und Bedeutung. In dieser Besetzung führte der Aachener Domchor die großen Meisterwerke der geistlichen Chormusik von Palestrina und Lassus, über Bach, Händel, Haydn, Mozart, Beethoven, Brahms, Bruckner, Verdi bis zu Vaughan Williams, Kodály, Britten und anderen zeitgenössischen Komponisten mit anerkanntem Erfolg im In- und Ausland auf.
Eine wechselvolle Geschichte haben die Chorsänger in vielen Jahrhunderten erlebt. Ihre Aufgabe blieb zu allen Zeiten unverändert: Die musikalische Ausgestaltung der feierlichen Liturgie im Hohen Dom zu Aachen und die Bewahrung und Pflege des kostbaren Schatzes der Kirchenmusik. (Quelle: Rudolf POHL, Musik im Dom zu Aachen, 1200 Jahre Chorschule am Hofe Karls des Großen, Aachen 1981, S. 3-18. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.) _______________________________________________________________________ Historische Informationsschrift über den Aachener Domchor von 1936 hier (PDF). _______________________________________________________________________ | ||||||||||||||
![]() | ![]() | ![]() | ![]() | ![]() | ![]() | ![]() | ![]() | |||||||||